Kristin Rübesamen: „Ein gewisser Egoismus der Mutter stabilsiert die Familie“

Die Yogalehrerin, Autorin und Mutter zweier erwachsener Töchter im MOMazing-Interview

Kristin Rübesamen im Interview Muttersein Mamasein Kinder MOMazing Yoga Mama Mami Blog

Kristin Rübesamen (51) ist erfahrene Yogalehrerin und Mutter. Außerdem erfolgreiche Journalistin, Chefredakteurin von YogaEasy und Autorin. Ihren Yoga-Bestseller  „Alle sind erleuchtet“ – Bekenntnisse einer Yoga-Lehrerin“ hat mir vor sieben Jahren ganz unyogisch den Atem stocken lassen. Ich fand es unglaublich spannend, so nah an einem Yogaweg dran zu sein. Alle Zweifel, Konflikte und Erkenntnisse inklusive. Das tat manchmal auch weh. Ganz anders ihr Bildband Great Yoga Retreats“ , den sie mit Angelika Taschen herausgebracht hat. Der ist einfach nur schön und inspiriert mich seit Jahren zum Blättern, Träumen, Pläne schmieden. Ab Seite 168  wird die Kretashala vorgestellt, ein magischer Retreat-Ort an der Südküste Kretas an dem Kristin Anfang Juli ein Vinyasa-Yoga-Retreat geben wird. Um die Auszeit in Griechenland, ihren Yogaweg von New York nach Berlin und ihre größte Erleuchtung als Mutter soll es in diesem Interview gehen …


Liebe Kristin, Yogini- und Muttersein passt das zusammen?

 

Ich verstehe die Frage nicht. Warum sollte das nicht zusammenpassen? Yogini und Waffenhändler, oder Yogini und Hühnerfabrikant, das geht schlecht zusammen, wenn man es einigermaßen ernst meint mit Ahimsa, dem yogischen Gebot der Gewaltlosigkeit, aber sonst gibt es keine Existenz und keinen Beruf, der nicht von Yoga profitiert. Die Frage suggeriert, dass man als Yogini seine Pflichten als Mutter vernachlässigen könnte. Es klingt ein wenig selbstgerecht, aber ich kann aus meiner Erfahrung sagen, meinen Kindern hat es nicht geschadet, wenn sie mal mit einem Babysitter zu Hause gelassen wurden. Dafür habe ich jahrelang jeden Abend vorgelesen.

 

 

 

Du hast Yoga als junge Mutter radikal an erste Stelle gesetzt. Warum?

 

Zuerst, weil ich einsam war in New York als Deutsche und auf der Suche nach einem Zuhause war. Die Yogaszene war damals vor 20 Jahren noch sehr überschaubar und bot ein wunderbares Zuhause voller exzentrischer, lustiger und natürlich auch genügend verkrachter Existenzen. Vielleicht hätte ich auch einem Bookclub beitreten können, aber es war eben Yoga. Später konnte ich dann nicht mehr anders. Ich habe mich mit einer solchen Leidenschaft auf Yoga gestürzt, jedes Buch gelesen, jeden Lehrer besucht, ich dachte allen Ernstes, endlich eine Antwort auf das Dilemma einer Gesellschaft, die Körper und Geist auseinanderreißt, gefunden zu haben. Ich habe in dieser Schule zwei enge Freundinnen gefunden, Kelly Britton und Elisabeth Bernstein, beides Künstlerlinnen. Die hätte ich sonst nie getroffen.

 

 

 

Wurdest du deshalb als egoistisch bezeichnet?

 

Weil ich so viel Yoga machte? Nein, niemals, mit diesem Vorwurf sollte man sehr vorsichtig sein. Mir ist aufgefallen, dass vor allem Frauen andere Frauen als egoistisch bezeichnen. Ein gewisser Egoismus der Mutter stabilisiert die Familie, finde ich, denn eine zufriedene Mutter wird ihre Familie nicht verlassen. Außerdem war ich ja nicht im Crackhouse, sondern in einem Yoga Center. Wenn das egoistisch ist, dann ok.

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„Innere Ruhe ist wichtiger als Instagram“

Was hat das für deine Kinder damals bedeutet?

 

Ich glaube, damals haben sie es nicht so mitbekommen, außer, wenn wir in Long Island am Strand Handstand geübt haben. Später lebten wir in London, da waren sie schon älter und ich habe sie manchmal mitgenommen in das Jivamukti Studio, in dem ich unterrichtet habe. Ich musste sie mit einem teuren Smoothie bestechen, sonst wären sie nicht mitgekommen. Irgendwann habe ich es aufgegeben.

 

 

 

Und heute?

 

Eine kommt zum Yoga, so oft es geht, die andere geht lieber spazieren. Wichtiger wäre mir, wenn sie etwas Wesentliches begriffen haben: dass man es durchaus selbst in der Hand hat, in welcher Verfassung man durchs Leben geht. Dass man an schlechten Tagen das Ruder herumreißen kann, dass innere Ruhe wichtiger ist als Instagram und dass Bewegung fast alles besser macht. Nicht nur quantitativ im Sinne von mehr Flexibilität, mehr Bauchmuskeln, besserer Stoffwechsel, sondern qualitativ. Fragen beantworten zu können wie: Was ist wichtig, wie sind meine Prioritäten, weiß ich eigentlich, was los ist mit mir? Will ich etwas ändern? Wie ist meine Beziehung zu meiner Umwelt?

 

 

 

Hast Du eine Art Mama-Mantra, das dir in brenzligen Situationen hilft?

Ja, aber das ist geheim.

 


War oder ist dein Mann manchmal neidisch auf dein Yoga?

 

Nein, er hat sich immer gefreut darüber.

 

 

 

Du lebst in Berlin: Wie nimmst du die Hauptstadt-Mütter wahr?

 

Es wäre sehr leicht, auf den ehrgeizigen, anorektischen Mittelklasse-Müttern mit ihrem H&M Botox herumzuhacken, die alles richtig machen wollen und natürlich auch zum Yoga gehen. Aber wer sagt denn, dass sie nicht einen kranken Vater haben, eine schwierige Ehe, einen grauenvollen Job oder eine handfeste Depression und Yoga genauso dringend brauchen wie wir alle? Einfach, um über die Runden zu kommen?

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„Ich bin ratlos, was das Leben anbelangt und besitze keine Weisheit.“

Was möchtest du ihnen mit auf den Weg geben?

 

Nichts, ich gebe niemandem etwas auf den Weg. Ich bin ratlos, was das Leben anbelangt und besitze keine Weisheit. Wenn mich eine tatsächlich nach Erziehungstipps für ihre Kinder fragen würde, würde ich nur sagen: Viel frische Luft und früh ins Bett. Aber das ist, fürchte ich, aus der Mode gekommen. Meine Kinder mussten, bis sie Teenager waren, Siesta halten, damit mein Mann und ich unsere Ruhe hatten. Dafür wird man heute wahrscheinlich verhaftet.

 

 

 

Und deinen eigenen Töchtern, falls sie Kinder bekommen möchten?

 

Nicht am Babysitter sparen.

 

 

 

Was können Mütter auf der Matte für ihren Alltag mit Kindern lernen?

 

Dass, was sie auch für ihren eigenen Alltag brauchen: Genau hinhören, sich nicht in die Tasche lügen.

 

 

 

Du gibst Anfang Juli ein Vinyasa-Yoga-Retreat auf Kreta, während dem es auch um den Zusammenhang zwischen Yoga und Schreiben gehen wird. Kannst du darauf schon einen klitzekleinen Ausblick geben?

 

Es ist zunächst ein klassisches Retreat an einem der schönsten Orte, die ich kenne und auch schon im „Great Yoga Retreats“ Buch für den Taschen Verlag beschrieben habe, direkt am Meer, herb, einsam, auch im Juli immer mit leichtem Wind. Den Workshop zum Thema „Schreiben und Yoga“ verstehe ich als Versuch, durch yogische Techniken Barrieren zu durchbrechen, um so die eigene Stimme besser zu hören. Klingt etwas kitschig, aber funktioniert. Das auszudrücken, wofür einem zu Hause die Worte fehlen, klappt an einem anderen Ort oft besser.

 

 

„Alle sind erleuchtet“ war ein Yoga-Bestseller. Was ist deine größte Erleuchtung als Mutter?

 

Diese unendliche Liebe, die einfach nicht aufhört.

 

 

 

Wann kommt dein nächstes Buch?

 

Nicht so schnell. Im Moment muss ich viel lesen.

 

 

 

 

Vielen Dank für das Interview, liebe Kristin!


Vinyasa-Yoga-Retreat mit Kristin auf Kreta:

Vom 1. bis 8. Juli bietet Kristin ein Vinyasa-Yoga-Retreat für Anfänger und Fortgeschrittene auf Kreta an.

Eine Praxis wird sich ganz dem Zusammenhang von Yoga und Schreiben widmen. Ihr habt einen Roman in der Schublade? Bringt ihn mit, fangt einen an – und sichert euch am besten gleich euren Platz … Hier gibt's mehr Infos!

Mehr über Kristin …

… erfährst du in diesem wirklich gelungenen Interview!

Meine Lieblingsbücher von Kristin:

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 Fotos: privat

 

 


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