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Gabriela Bozic: „Kinder gehören uns nicht, sie haben ihr eigenes Karma und ihre eigene Bestimmung hier auf der Welt.“

Ein Jahr Yoga-Mama: ein Interview über Kinder, Karma und Krishna-Mantras

Seit einem Jahr Mama: Jivamukti Yogalehrerin Gabriela Bozic im Interview mit dem Mama Yoga Blog MOMazing.

Ein Interview, wie es das Yoga-Mama Leben schreibt … An diesem Gespräch haben Yogalehrerin Gabriela Bozic aus München und ich über ein Jahr gearbeitet. Denn kurz bevor wir uns 2017 rund um ihre Schwangerschaft unterhalten wollten, kam ihr zuckersüßer Buddha Boy zur Welt. 12 Monate später hat sich für uns der Kreis geschlossen. Im MOMazing-Interview spricht die Yoga-Mama mit ihrer herzlichen und offenen Art über die Ups und Downs des ersten Jahrs mit Baby, die Wichtigkeit des Wochenbetts und verrät, wie man als Eltern auch ein Liebespaar bleibt …


Liebe Gabriela, ein Jahr Mama – was hat sich für dich verändert?

Gabriela Bozic: Ich habe viel mehr Demut vor dem Wunder des Lebens und der göttlichen Kraft. Die Perfektion des großen Plans ist erstaunlich. Wie ein Baby entsteht, wächst und auf die Welt kommt. Wie ich als Mutter neu geboren wurde. Ich bin auch viel dankbarer geworden für mein Leben und die kleinen Dinge im Leben. Die Zeit für einen Kaffee in der Sonne, länger schlafen zu können oder ungestört zu meditieren.

 

 

Hat sich dein Blick auf Yoga auch verändert?

 

Früher hat es mich sogar etwas genervt wenn man mir sagte, ein Kind zu haben sei ‚echtes’ Yoga. Ich weiß nicht, ob das Wort ‚echt’ richtig ist, aber jetzt sehe ich tatsächlich das Leben und das Mutterdasein viel mehr als Yogapraxis, als das, was auf der Yogamatte oder auf dem Meditationskissen passiert. Patanjalis Yogasutra sagt: tapaḥ-svādhyāya-īśvara-praṇidhānāni kriyā-yogaḥ. Durch die Bereitschaft verzichten zu können, Disziplin, Selbstbeobachtung und Hingabe an die göttliche Kraft, erreicht man den Zustand des Yoga. Oder noch konkreter, dies sind Handlungen, die Yoga ausmachen. Und genau sie werden jeden Tag aufs Neue von mir verlangt: Anstrengung, Achtsamkeit, Bereitschaft auf meine Agenda zu verzichten, Hingabe. Dazu kommt noch die bedingungslose Liebe und Mitgefühl. Es gibt also viele Wege wie man mit einem Kind Yoga praktizieren kann. Dadurch dass man am Anfang sehr wenig Zeit und Raum für sich hat, ist das alles eine richtige Herausforderung.

 

Das erste Jahr als Mama ist in der Tat sehr intensiv – was ist die wichtigste Lektion, die dein Buddha Boy dich gelehrt hat?

 

Die Illusion aufzugeben, dass man Dinge im Leben kontrollieren kann. Immer wieder aufs Neue das Vertrauen zu finden, dass es für alles eine Lösung und eine Alternative gibt. Denn mit einem Baby läuft es einfach meistens nicht so wie man es geplant hat. Wenn man etwas vorhat, schlafen sie zu lange oder zu kurz, sie stolpern und tun sich weh kurz vorm Abflug, wollen kuscheln wenn man aus dem Haus muss. Irgendwas ist immer … Überhaupt zu akzeptieren, dass man nicht mehr so selbstbestimmt ist wie früher und manche Freiheiten nicht mehr hat, war meine große Lektion. Immer auf Achse und mitmischen geht nicht mehr. Auch wenn es mir schwerfällt, merke ich, wie gut es mir tut. Bedingungslose Liebe, Demut und Hingabe, die damit zusammen kommen sind sehr wertvoll für mein persönliches Wachstum. Auch mein Unterricht profitiert sehr davon.

Jivamukti Yogalehrerin Gabriela Bozic mit ihrem kleinen Buddha Boy. Im Interview mit dem Mama Yoga Blog MOMazing.

„Ich hoffe, wir können mit dem Mythos der 'perfekten Mutter' endlich aufräumen.“

Bei dir läuft – wie bei uns allen – nicht immer alles rund. Daraus machst du glücklicherweise auch kein Geheimnis …

Das Bild aus den Hochglanzmagazinen entspricht nicht der Wahrheit. Frauen setzen sich unter Druck, einem Ideal zu entsprechen, das schlicht und ergreifend unerreichbar ist. Das kann krank machen.
Ich hoffe, wir können mit dem Mythos der
perfekten Mutter
endlich aufräumen. Die gibt es ganz einfach nicht. Es muss sehr mühsam sein, dieses Bild von sich aufrechterhalten zu wollen. Dafür gibt es die Mutter, die „gut genug“ ist, und das reicht. Wir alle sind fehlbare Menschen, die trotz der besten Absicht Fehler gemacht haben, und auch wieder machen werden. Je früher wir das akzeptieren, umso schneller hören wir auf, uns und die anderen Mütter zu bewerten. Kritik, Konkurrenz und die moralische Überheblichkeit schwächt uns nur selbst. Jede von uns weiß, wie schwer es ohnehin ist, eine Mutter zu sein, und wie laut der innere Kritiker ist. Da braucht man wirklich keine zusätzliche Person, die einem sagt was man alles „falsch“ gemacht hat. Stattdessen ist es wesentlich sinnvoller, sich gegenseitig zu akzeptieren, zu unterstützen, wo es möglich ist, und ehrlich miteinander zu sein.


Was ist denn ganz ehrlich für dich die größte Herausforderung des Mutterseins?


Die größte Herausforderung für mich ist es, mich um dieses kleine Wesen mehr als um sich selbst zu sorgen. Und gleichzeitig frei von Anhaftung zu sein. Dem Kind zu erlauben, für sich selbst aufzuwachsen, die Erfahrungen und Lernprozesse zu machen, die es machen muss, auch wenn sie schmerzhaft sind. Das kann – und vor allem das darf ich ihm nicht abnehmen. Kinder gehören uns nicht, sie haben ihr eigenes Karma und ihre eigene Bestimmung hier auf der Welt. Es ist ein Balanceakt der viel Achtsamkeit verlangt, dem Kind alle Unterstützung zu geben, die möglich ist, gleichzeitig klare Grenzen aufzuweisen, und nicht zu versuchen, es vor allem zu retten zu wollen oder eigene Vorstellungen durch sein Kind zu verwirklichen.

Dankbar: Jivamukti Yogalehrerin Gabriela Bozic im Interview mit dem Mama Yoga Blog MOMazing.

„Man kann während des Wochenbetts nicht zu viel Unterstützung haben.“

Eine weitere Herausforderung war das Wochenbett. Du hast sehr offen über diese besondere Zeit geschrieben. Hast du einen Yogi-Tipp fürs Wochenbett, denn gefühlt wird diese Phase häufig nicht richtig gewürdigt …

 

Ja, das stimmt leider und ich hoffe, unsere Generation kann anfangen, daran etwas zu ändern. Die Unterstützung der Frauen untereinander ist hier entscheidend. Die meisten alten Kulturen – auch unsere – hatten sehr spezifische Praktiken der spirituellen Reinigung und Kräftigung und die Unterstützung seitens der Familie und Gemeinschaft, besonders in den ersten 40 Tagen nach der Geburt. Alles, um sicherzustellen, dass Mütter sich von der Geburt vollständig erholen konnten. Damit die Gesellschaft gedeiht, muss die Mutter voll unterstützt und gesund sein – in jeder Hinsicht. Es gibt relativ viel pränatale Unterstützung, aber sobald ein Baby geboren ist, geht der ganze Fokus auf das Baby. Es gibt sehr wenig Fokus auf die Mutter. Die Mutter verschwindet im Schatten ihrer Rolle.

 

Was empfiehlst du?

 

Ich finde die Ernährung sehr wichtig: warme, wohlschmeckende Speisen, die reich an guten Fetten sind, Suppen und Eintöpfe, Spinat, wärmende regionale, saisonale Gewürze und Kräuter, so wie Majoran, Liebstöckl, Kurkuma, Zimt, Ingwer, viel heißes Wasser, Avocado, Olivenöl, Mandeln, Datteln, dunkle Schokolade. Ich empfehle zusätzlich Eisen, Vitamin B12, Zink, Vitamin C, Vitamin D, und Magnesium zu nehmen. Diese Vitamine und Spurenelemente sind meistens schon in der Schwangerschaft aus dem Gleichgewicht.

 


Und darüber hinaus?


Darüber hinaus ist die Unterstützung durch den Mann, die Familie, den Freundeskreis essentiell. Man kann während des Wochenbetts nicht zu viel Unterstützung haben. Dies ist nicht die Zeit, auf Selbstversorgung und Unabhängigkeit zu bestehen. Außerdem ruhiges Yoga, viel Shavasana, Wechselatmung und Yoga-Nidra. Auf meinem Blog gebe ich noch weitere Tipps.

 

 

Passend zum Thema Yoga: Wie hat Yoga dir und deinem Partner geholfen, auch ein Liebespaar zu bleiben?

 

Das, was hilft, sind die durch den Yoga entstandene Achtsamkeit, Ehrlichkeit und Respekt für das Gegenüber. Offen miteinander zu reden, und vor allem zuzuhören ist dabei der Schlüssel. Es ist definitiv eine Herausforderung, ein Liebespaar zu bleiben, wenn das Baby da ist. Nicht umsonst gibt es Kurse wie Eltern werden – ein Liebespaar bleiben. Ich empfehle ganz konkret einen Termin in regelmäßigen Abständen auszumachen, um Abendessen oder spazieren zu gehen, zu kuscheln oder auch Sex zu haben. Was dabei rauskommt, spielt keine Rolle. Das Ziel ist nicht das Entscheidende, sondern, dass man diese Zeit zusammen verbringt und sich ohne das Kind wieder wahrnimmt. Auf den ersten Blick klingt das nicht romantisch, aber die Romantik kann nur dann entstehen, wenn man den Raum dafür geschaffen hat. Das kann man ganz konkret und pragmatisch mit einem Verabredungstermin lösen. Wir machen Termine für alles Mögliche aus, Arbeits-Meetings, Autoreparatur, Friseur oder Freunde treffen. Warum nicht um die eigene Beziehung zu pflegen? Sich helfen lassen ist auch wichtig. Eine Putzhilfe, ein Paartherapeut oder ein Babysitter sind letzten Endes viel günstiger – finanziell und emotional – als eine Scheidung.

„Mein Mama-Mantra? Mach dich locker!“

Hast Du ein bestimmtes Mantra, das deine Familie und dich durch den Alltag begleitet?

 

Śrī Kṛṣṇa śaraṇaṁ mama – Ich nehme Zuflucht in der Liebe, die wahre Identität allen Seins ist. Kṛṣṇa Mantras sind Mantras der Liebe, der Verspieltheit. Sie nehmen die Schwere aus dem Leben und bringen Leichtigkeit. Wir versuchen uns immer daran zu erinnern, dass die Liebe unsere Essenz ist und alles heilen kann. Das Leben ist laut Kṛṣṇa Līlā, ein vergnügliches, unterhaltsames Spiel. Man soll sich nicht zu ernst oder zu wichtig nehmen, denn letzten Endes ist das Leben immer für eine Überraschung gut. Nach dem Motto; Mach dich locker, tue Gutes, liebe aufrichtig, sei nicht so streng mit dir und den anderen und siehe die Göttlichkeit und Anmut in allem.

 

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Gabriela!

Mehr zu Gabriela Bozic:

 Gabriela Bozic im Interview mit dem Mama Yoga Blog MOMazing.

Mehr zu Yogalehrerin Gabriela Bozic erfährst du zum Beispiel in diesen klugen Interviews auf Kaerlighed und Fuck Lucky go Happy – und natürlich auf ihrer Homepage. Auf ihrem Blog schreibt die gebürtige Kroatin auch immer wieder sehr offen und ehrlich über ihr Leben als Mutter.


 Fotos: yogainphotos, Patrycia Lukas

 

 

 

 


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